Wenn Blinde von der Farbe sprechen …

17.09.2026

Die heimische "Bildungspolitik", sofern jemand dieses Desaster so nennen möchte, ist nicht bloß auf einem Auge "blind"; die maßgeblichen Politiker sind zumindest beidseitig farbenblind, maßen sich aber dessen ungeachtet an, über Farben zu sprechen.

Was sich auf der niedrigsten Ebene des menschlich Denkbaren auf diesem Terrain in den letzten Tagen, Wochen und Jahren abgespielt hat, ist – wie soll man dazu sagen? – bemerkenswert; just jene, die erwiesenermaßen von "Tuten & Blasen" keine Ahnung haben, stehen immer dann in der ersten Reihe, wenn es wieder einmal darum geht, unser völlig desolates, ineffizientes, dafür aber recht kostenintensives Bildungssystem bzw. die daraus resultierenden Ergebnisse verteidigen zu müssen.

Die einzige Qualifikation, die unsere "Bildungsexperten" aufweisen, ist allenfalls jene, dass jeder aus dem "Schul-Quartett" einmal eine Schuld besucht haben dürfte; bei so manchem ist aber selbst das zweifelhaft.

Quelle: https://www.cicero.de/kultur/cicero-im-mai-wilhelm-von-humboldt-der-liberale-rebell (Illustration: Olaf Hajek)

Die zweite, viel wichtigere, "Bildungs-Kompetenz" ist hingegen, dass sie, zumindest ihren eigenen Angaben zufolge, Politiker sind; Schulbesuch + Politiker = Bildungsexperte; wäre diese Gleichung ebenso einfach wie richtig, dann träfe das auch auf die sog. "steirischen Maturanten" zu: 4 Jahre Sonderschule + 1 Volkstanzkurs = Studienreife; da in Österreich selbst die größten Dodeln auch Politiker werden können, ist damit logischerweise und zweifelsfrei jedem, der hierzulande eine Schule von innen gesehen hat, auch "Bildungs-Kompetenz" zu attestieren.

Blöd ist nur, das wird bei der ganzen "Bildungsdiskussion" übersehen, dass "Bildung" als solche gar nicht erlernbar ist; wenn es nach Wilhelm von Humbold, dem intellektuellen "Ziehvater" des deutschen Bildungsideals geht, kann "Bildung" nur aus der "Wechselwirkung zwischen Ich und der Welt" entstehen.

Nun erwecken Nico Marchetti, Alexander Pröll, Christoph Wiederkehr und Heinrich Himmer ja nicht eben den Eindruck, als hätten sie sich mit Humboldts Ideen oder Theorien je auseinandergesetzt; sonst müssten sie ja wissen, dass Bildung keinesfalls vom Staat oder sonstigen Institutionen auf ein bestimmtes Ziel hingelenkt werden dürfte, sondern der Staat nur die Rahmenbedingungen schaffen, aber den "Inhalt der Bildung" nie und nimmer bestimmen soll.

In Österreich ist das "naturgemäß" ganz anders: Die Rahmenbedingungen fehlen, dafür wird beim "Inhalt" herumgepfuscht, als gäbe es kein Morgen.

Ein Blick auf den ministeriellen "Qualitätsrahmens für Schulen" erhellt, wie krass bzw. absurd das Missverhältnis zwischen Humboldt Ansprüchen und deren heimischer Entsprechung ist; als noch grotesker erweist sich nur noch die 10-seitige "Literaturliste" zu diesem "Konstrukt".

Wer Schule und damit indirekt auch "Bildung" so denkt, wie wir das auf https://www.qms.at/qualitaetsrahmen/der-qualitaetsrahmen-fuer-schulen nachlesen können, muss sich nicht wundern, warum unsere Kinder im Begriff sind, völlig zu verblöden und dazu "herangezogen" werden, weder sinnerfassend lesen, schreiben oder gar rechnen können.

Quelle: https://www.gutenberg.org/files/52218/52218-h/52218-h.htm (Screenshot)

Nun hat sich in den letzten Tagen eben das genannte "Bildungs-Experten-Quartett" (Marchetti, Pröll, Wiederkehr u. Himmer) zu Wort gemeldet, um mit ihren geistigen Ergüssen zu den Themen "Digitalisierung", "KI" und allerlei "Sonstigem" das Volk zu beglücken.

Bislang haben Pröll & Co vermehrt auf die "Digitalisierung" gesetzt und das "Analoge" aus dem Unterricht verbannt; neuerdings soll aber wieder die Leseförderung ausgebaut werden und die Handschrift gleichsam eine Renaissance erfahren; von "diagnosebasierter Leserförderung" (was immer das sein mag) ist zu lesen und davon, Kinder bräuchten "zuerst Sprache, Bewegung, Spiel und soziale Beziehungen in der echten Welt" – um das zu wissen, muss man sicher an der Harvard University, der University of Oxford oder der Princeton University studiert haben.

"Handschriftliches Schreiben ist zum Erwerb von Grundkompetenzen essenziell" – um das zu erkennen muss man schon die Funktion eines Oberministranten für "Bildung" innehaben.

Wem einfällt, dass "Lesen kein Privileg sein darf", der muss zu Höherem, zumindest aber zur Funktion eines SPÖ-"Bildungssprechers" berufen sein.

Wer mit einem "KI-Basiscurriculum" erreichen will, dass "künstliche Intelligenz kein Spezialwissen sein darf" und "KI-Kompetenzen so selbstverständlich werden, wie Lesen, Schreiben und Rechnen", dem ist zwar nicht mehr zu helfen; Sekretär des Staates kann man mit solchen Aussagen aber immer noch spielen.

Und wer der Ansicht ist, "es gäbe ja viele Wege zum Glück", der sollte das seine dort suchen, wo er zumindest den Kindern dieses Landes keinen Schaden zufügen kann – abseits der Politik, aber jedenfalls möglichst weit vom Bereich der "Bildung" entfernt.

Quelle: https://www.gutenberg.org/files/52218/52218-h/52218-h.htm (Screenshot)

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Wenn Gerhart Hauptmann in seinem Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang" im 5. Akt Alfred Loth zu Dr. Schimmelpfennig sagen lässt "Du redst wie der Blinde von der Farbe", bringt er damit metaphorisch genau das zum Ausdruck, was gleichermaßen für unser "Bildungs-Quartett" gilt: Rede nicht über eine Sache, von der du überhaupt keine Ahnung hast.

Chr. Brugger

17/09/2026