Wo Stille eine Sprache hat – Teil 1
Es gibt nur wenige Ort, die mich beeindrucken; aber immerhin, es gibt sie; einen dieser Orte habe ich in den letzten Tagen mehrfach besucht; keine allzu große Überraschung, dass es sich dabei um einen Friedhof handelt – Friedhöfe haben es mir irgendwie angetan, die Gründe dafür sind hier aber nicht von Belang.

Der "Erste Athener Friedhof" ist an eleganter Bescheidenheit, friedlicher Anmut und seinem Wechselspiel aus Licht und Schatten mit nichts anderem vergleichbar; an der sanften Idylle können selbst lästige Besucher nichts ändern; unabhängig davon, wie viele Menschen sich an diesen Ort im Stadtviertel Pangrati verirren – sie können ihm nichts anhaben oder ihn weniger würdig erscheinen lassen als er es auf seine spezielle Art ist.
Nun war das Ziel meines Besuches anfangs nicht klar; ich hatte zwar einiges gelesen und für mich selbst ein angemessenes Wissen angeeignet, um vor Ort nicht gänzlich unwissend zu erscheinen; denn ohne Kenntnis des Notwendigsten ist man dort dem Zufall ausgeliefert; es sind keine Informationen darüber verfügbar, wer wo begraben ist und wer der griechischen Sprache nicht mächtig ist, kann dort stundenlang nach Gräbern suchen, die er oder sie nicht finden wird; ausgenommen ist allenfalls das Mausoleum Heinrich Schliemanns, das, sobald man den Friedhof über den Haupteingang betritt, nicht zu übersehen ist.

Bild: Grabstätte von Heinrich Schliemann (oben in der Mitte)
Allein, Schliemann hat mein Interesse weder geweckt noch war er der Grund für meinen Besuch; mein erster Gedanke galt vielmehr Odysseas Elytis (eigentlich Odysseas Alepoudélis), einem der beiden Griechen, die den Nobelpreis für Literatur gewinnen konnten.
Die Frage, wo sich das Grab des Dichters befände, konnte oder wollte keiner der Mitarbeiter beantworten; wesentlich hilfsbereiter und vor allem auskunftsfreudiger waren die Damen in der Friedhofs-Verwaltung, die in einem Gebäude in der Nähe des Haupteingangs untergebracht ist; dort wurde mir mitgeteilt, dass Elytis im Abschnitt Nr. 7 begraben ist und die Nummer seines Grabes 435 lautet; allein, auch mit dieser Information war die letzte Ruhestätte nicht auffindbar; selbst ein damit beauftragter Mitarbeiter benötigte rund eine halbe Stunde, bis er mir (voller Stolz) das Grab zeigen konnte.

Bild: Grab von Odysseas Elytis (7/435)
Wer je etwas von Odysseas Elytis gelesen hat, wird ansatzweise verstehen oder zumindest erahnen, was einfache Sprache bewirkt, subtile Klarheit zum Ausdruck bringt und eine elegante Schlichtheit bewegt; Elytis, ein Meister mit bescheidenem Habitus, frei von Allüren, nur auf das Nötigste beschränkt und konzentriert; der Anschein ist nichts, die Wirkung alles.

Bild: Inschrift am Grab des Odysseas Elytis
So schlicht und einfach, wie er selbst ist auch seine letzte Ruhestätte; unter einer weißen Marmorplatte ruht jemand, der zu Lebzeiten völlig unbeeindruckt das getan hat, wozu er sich berufen fühlte:
"Was bleibt ist Dichtung allein
Dichtung. Gerecht und wesentlich und direkt
Vielleicht wie in der Vorstellung der ersten Menschen"
So war und schrieb Elytis – pragmatisch, reduziert und dennoch brillant:
"Beim ersten Regentropfen starb der Sommer
Durchnässten die Worte, die den Sternen Glanz verliehen
Alle Worte die nur dir bestimmt waren: Dir!
Wohin unsere Hände breiten, jetzt da die Zeit uns nicht mehr wertet
Wohin unsere Augen senden, jetzt da die fernen Linien in die Wolken sanken
Jetzt da sich deine Lider über unserer Erde schlossen
Und wir einsam sind – als durchwehte uns Nebel – Einsam von deinen toten Bildern ganz umringt
Mit der Stirn an der Scheibe wach über neuem Leid
Kein Tod wird uns zwingen, solange Du da bist
Solange irgendwo ein Wind dich ganz beleben kann
Dich nah umfangen wie weit her unsere Hoffnung
Solange irgendwo
Über dein Lächeln hinaus tiefgrünes Feld bis an die Sonne reicht
Im Glauben daran, dass wir uns wiedersehn
Nein, nicht dem Tod werden wir begegnen
Nur einem winzigen Tropfen herbstlichen Regens
Ein dumpfes Gefühl
Der Duft der nassen Erde in unseren Seelen
Die immer weiter sich entfernen
Wenn deine Hand nicht ist in unserer
Wenn unser Blut nicht in den Adern deiner Träume ist
Das Licht am makellosen Himmel
Und in uns unsichtbare Musik o! dunkle
In allem, was uns hier noch hält dein Schritt
Der feuchte Wind die herbstliche Stunde der Abschied
Bitterlastende Nähe der Erinnerung
Denn wenn die Nacht uns vom Lichte trennt
Hinter der eckigen Scheibe zur Trauer gewandt
Sonst nirgendwo
Weil längst daraus wurde unsichtbare Musik
Flamme im Kamin Schlag der großen Uhr an der Wand
Weil längst daraus wurden
Ein Gedicht Vers um Vers Schall gleich dem Regen Tränen und Worte
Worte nicht wie die anderen
Doch auch diese nur dir bestimmt: DIR!"
Chr. Brugger
24.05.2026
