Wo Stille eine Sprache hat – Teil 2

02.06.2026

Wer den Ersten Friedhof von Athen besucht, begegnet dort nicht nur den Toten, sondern auch der geistigen Geschichte Griechenlands. Zwischen Zypressen, Marmorengeln und den Werken bedeutender Bildhauer befindet sich auch die letzte Ruhestätte eines Mannes, dessen Stimme das moderne Griechenland geprägt hat wie kaum eine andere: Giorgos Seferis (1900–1971), Nobelpreisträger für Literatur und einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts.

Quelle: https://www.graktuell.gr/auf-dem-stechginster-seferis-klage-gedicht-gegen-die-militaerdiktatur-der-obristen/

Wie das Grab von Elytis ist auch jene von Seferis nur mit Hilfe jener hilfsbereiten Frauen bei der Friedhofsverwaltung zu finden, die mich bereits tags zuvor, als es um Elytis ging, unterstützt haben; selbst das würde, wie in meinem Fall, nicht genügen; wäre mir nicht zufällig ein Gärtner des Friedhofs begegnet, ich hätte die letzte Ruhestätte des griechischen Großmeisters literarischer Nüchternheit nie gesehen; das Grab Nr. 65 im Abschnitt 12 ist dermaßen unscheinbar und schlicht, dass es weder auffällt noch auffallen, sich vielmehr verstecken will.

Wer Seferis' Werk als "Odyssee der Entwurzelung" betrachtet, in dem die Sehnsucht ihren eigenen Ursprung nicht mehr findet, der wird in einem stillen Moment des Gedenkens am Grab des Dichters erkennen, was er mit der unerträglichen Hoffnungslosigkeit am 22. Oktober 1950 auf seiner "Ionischen Reise" gemeint haben könnte: "Die Hoffnungslosigkeit der Ruinen in Kleinasien ist unbeschreiblich. Alles trägt dazu bei, sie noch unerträglicher zu machen. Die Toten brauchen, damit sie reden können, lebendiges Blut. Das ist es, was hier fehlt. Gelegentlich kommt ein Fremder vorbei, bietet Leben an, und es erscheint der Schatten des Teiresias oder der Antikleias. Danach geht alles wieder unter in der unendlichen Totenstille".

Für Seferis ist die Vergangenheit zwar immer präsent, aber deswegen nicht verständlich; sie belastet die Gegenwart und ist für ihn nicht mehr vollständig "lesbar" oder zu begreifen; die Anomalie hat bei und durch Seferis gleichsam ihr Ende gefunden; Seferis erscheint die Welt als Fragment, als ein Ensemble von Zeichen, deren einstige Korrelation verloren gegangen ist und sich in sich selbst aufgelöst hat.

Chr. Brugger

02/06/2026